Niemand hört bewusst auf. Es schläft nur ein.

Niemand hört bewusst auf. Es schläft nur ein.

Ingrid Mader rollt zu Hause ihre Yogamatte aus, um nach einer Pause wieder mit Rückenübungen anzufangen.

Ich habe gewettet, bevor ich meine Umfrage verschickt habe. Schwarz auf weiß aufgeschrieben, damit ich mich nachher nicht herausreden kann: „Von 25 haben 15 angefangen, 2 sind noch dabei.“ Zwei von 25 – da war ich mir ziemlich sicher.

Geantwortet haben 20 Frauen, alle mit Rücken und alle mit Erfahrung im Wiederanfangen. 18 davon haben mindestens einmal in ihrem Leben angefangen, etwas für ihren Rücken zu tun, und 14 sagen: bin noch dabei. Mein Tipp lag also gründlich daneben, und zwar in genau der Richtung, in der ich es am wenigsten erwartet hätte.

Bevor ich mich darüber freue, sage ich dir auch dazu, woran das zum Teil liegt. Wer einen Fragebogen über Rückenübungen ausfüllt, ist mit dem Thema ohnehin beschäftigt. Wer vor drei Jahren aufgegeben hat, klickt gar nicht erst drauf. Die 14 sind also kein Beweis dafür, dass draußen alle brav üben.

Nachdenklich gemacht hat mich dann aber eine ganz andere Zahl aus derselben Umfrage. Es ist eine Null.

Nicht eine von zwanzig hat den Schlussstrich gezogen

Ich habe gefragt, wie der letzte Anlauf ausgegangen ist, und eine der vier Antwortmöglichkeiten hieß „Ich habe bewusst aufgehört“. Angeklickt hat sie keine. Nicht eine von zwanzig.

14 sagen, ihr Anlauf läuft noch, bei 4 ist er eingeschlafen, beendet hat ihn niemand. Lies das bitte noch einmal, denn es heißt: Diesen Moment, in dem eine Frau sich hinsetzt und beschließt, das Thema sein zu lassen, gibt es offenbar nicht. Entschieden wird das nicht. Es wird verschoben, dann noch einmal verschoben, und irgendwann ist es weg, ohne dass jemand es bemerkt hätte, sie selbst am wenigsten.

Gabi hat genau das geantwortet:

„Es läuft noch, habe aber die letzte 2 Wochen keine Zeit gehabt, immer wieder verschoben.“

Sie zählt sich zu den 14, und sie hat völlig recht damit. Beendet hat sie nichts. Sie hat nur zwei Wochen lang nichts gemacht.

Bei Sabine war es der Sommer:

„Irgendwann kam das heiße Wetter dazwischen.“

Das klingt harmlos, und das ist es auch. Ein Dazwischen, kein Scheitern.

Elf von zwanzig haben aufgehört zu zählen

Die Kernfrage meiner Umfrage war: Wie oft hast du in deinem Leben schon damit angefangen, etwas für deinen Rücken zu tun? Ein Anlauf ist dabei jeder Versuch, etwas für den Rücken zu tun, auch einer, der nur ein paar Tage gehalten hat. 11 von 20 Frauen haben „mehr als 10 Mal“ angeklickt. 3 waren bei vier bis fünf Anläufen, 3 bei zwei, eine bei einem, und zwei sagen, sie haben noch nie angefangen.

Interessant ist, was fehlt: die Mitte. „3 Mal“ hat keine angeklickt, „6 bis 10 Mal“ auch keine. Entweder eine Frau hat ein, zwei Anläufe hinter sich, oder so viele, dass sie keine Zahl mehr nennen kann. Mit den Jahren hat das übrigens weniger zu tun, als ich gedacht hätte. Auch bei den Frauen, die das Thema erst vier bis zehn Jahre begleitet, haben 4 von 7 aufgehört zu zählen.

Wenn du beim Lesen gerade denkst „bei mir war’s bestimmt schon zwanzig Mal“, dann bist du damit in der Mehrheit. Das ist der Normalzustand und hat mit Charakterschwäche nichts zu tun.

„Ich mache nur eine Pause“ – der Satz, bei dem ich hellhörig werde

Ich sehe das Einschlafen live, jedes Semester, und ich weiß inzwischen genau, woran ich es erkenne. Eine Teilnehmerin schreibt mir, dass sie ein Semester aussetzen möchte. Zu viel los gerade, im nächsten Semester ist sie wieder dabei.

Keine, die das in meinem Semesterkurs YogaJOY gemacht hat, ist wieder eingestiegen. Keine einzige. Es gab keine Unstimmigkeiten, keine Absage, keine Unzufriedenheit mit der Yogapraxis. Das nächste Semester kam, und sie war nicht da. Dann das nächste.

Und bevor du jetzt denkst, ich schaue da von oben drauf: Ich kenne das von mir selber, beim Laufen. Wenn mich ein Infekt erwischt und ich danach nicht zeitnah wieder in die Laufschuhe steige, wird die Pause dauerhaft. Geplant habe ich das nie, passiert ist es mir trotzdem schon mehrmals – und ich bin seit Jahren Bewegungscoach.

Die Pause selbst ist harmlos. Dein Körper braucht sie manchmal, nach einem Infekt sogar unbedingt. Sie hat nur kein Ende, das irgendwo steht.

Übst du besser allein oder in einer Gruppe?

Alle vier eingeschlafenen Anläufe kommen von Frauen, die allein oder zu zweit geübt haben. Jetzt kommt die Zahl, bei der ich beim Auszählen kurz still war.

Beim letzten Anlauf war sieFrauendavon eingeschlafen
allein unterwegs63
einzeln begleitet (1:1)51
in einer Gruppe oder einem Kurs40
gemischt50

Von 6 Frauen, die allein geübt haben, ist bei 3 der Anlauf eingeschlafen, also bei der Hälfte. Bei den 9 Frauen, die in einer Gruppe oder gemischt unterwegs waren: keine einzige. Der vierte eingeschlafene Anlauf stammt aus einer 1:1-Begleitung.

Zwei Dinge gehören noch dazu, sonst verkaufe ich dir eine Wahrheit, die diese Zahlen nicht tragen. 6 und 9 Frauen sind winzige Gruppen. Eine einzige andere Antwort hätte das Bild gekippt. Und ich weiß nicht, in welche Richtung das läuft: Vielleicht hält die Gruppe die Frauen bei der Stange, vielleicht suchen sich Frauen, die ohnehin dranbleiben, eher eine Gruppe. Das kann meine Umfrage nicht trennen, und ich sage es dir lieber dazu.

Eine Teilnehmerin hat den Mechanismus selbst benannt, besser als jede Statistik:

„Bei der Physiotherapie hilft mir der feste Termin dran zu bleiben.“

Der Termin hält sie. Die Methode ist zweitrangig.

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Was bringt Frauen dazu, wieder anzufangen?

Ich habe auch gefragt, was beim letzten Anlauf den Ausschlag gegeben hat. 14 von 20 Anläufen hat der Körper oder eine Ärztin ausgelöst: ein Moment, in dem etwas nicht mehr ging, eine Verordnung, Schmerzen, die zu stark wurden. Emma hat diesen Moment so beschrieben: „Ich konnte die Gartenarbeit nicht mehr so machen.“ Eine andere, anonym: „Als ich nach 50 m wegen Rücken nicht mehr gehen konnte.“

Zwei Antwortmöglichkeiten hat dagegen keine einzige Frau angeklickt: „Jemand hat mich mitgenommen“ und „Jahreswechsel, Geburtstag, Urlaub“. Null und null. Bei 20 Antworten ist das ein deutlicher Hinweis und noch kein Gesetz, es passt aber zu allem, was ich sonst beobachte. Dein Körper gibt den Anstoß, der erste Jänner tut es nicht.

Wie bleibe ich bei meinen Rückenübungen dran? Meine fünf Anker

Die meisten Frauen brauchen etwas, das den Anlauf hält, wenn die Begeisterung der ersten Wochen weg ist. Mit Disziplin hat das wenig zu tun, es braucht einen Anker. Fünf davon ergeben sich aus den Antworten der 20 Frauen und aus dem, was ich bei meinen TeilnehmerInnen sehe.

  1. Sag nicht „Pause“, sondern fahr die Dosis runter. Statt auszusetzen machst du die kleinste Version, die noch zählt: fünf Minuten, zwei Übungen, einmal statt dreimal pro Woche. Eine kleine Dosis hält die Verbindung aufrecht, eine Pause reißt sie ab. Und was abgerissen ist, musst du neu anknüpfen. So entsteht Anlauf Nummer zwölf – und genau daran scheitert das Durchhalten beim Rückentraining, nicht am Programm.
  2. Nimm den fixen Termin, nicht das perfekte Programm. Such dir einen Wochentag und eine Uhrzeit und lass sie stehen, auch wenn du die Übungen noch nicht optimal findest. Ein mittelmäßiges Programm zu einem festen Termin schlägt das beste Programm „irgendwann unter der Woche“.
  3. Häng den Anlauf an etwas, das sowieso jeden Tag passiert. Nach dem Zähneputzen, vor dem ersten Kaffee, direkt nach dem Abendessen. Eine Frau hat auf die Frage, warum es diesmal hält, geantwortet: „Die Routine. Es ist Teil meines Tagesablaufs.“ Das ist der ganze Trick.
  4. Plane den Wiedereinstieg, bevor du ihn brauchst. Infekt, Hitze, Urlaub, Familienbesuch – irgendetwas kommt immer dazwischen. Leg jetzt fest, wann du danach wieder anfängst, und schreib es in den Kalender! Mit Datum, nicht mit „wenn es wieder geht“. An dieser Stelle unterbreche ich meine Laufroutine, und an dieser Stelle hat Sabine den Anschluss verloren.
  5. Sorg dafür, dass jemand merkt, wenn du fehlst. Das ist der unbequemste Punkt und der wirksamste: eine Gruppe, eine Freundin, ein fixer Termin bei jemandem, der dich erwartet. Keine der 9 Frauen, die begleitet oder in einer Gruppe geübt haben, ist eingeschlafen. Allein zu üben funktioniert auch, es hält nur seltener.

Und wenn du längst vorgesorgt hast?

Eine Zahl noch, weil sie unbequem ist. 8 der 20 Frauen haben etwas getan, bevor es weh getan hat. Bei 4 von diesen 8 kamen trotzdem die Schmerzen, also bei der Hälfte. Vorsorge ist kein Versicherungsschein, und wer dir das verspricht, hat meine Umfrage nicht gelesen. 😉

Was sich sehr wohl ändert, beschreibt Hannah:

„Ich habe unabhängig von Schmerzen wieder begonnen, mehr Sport – und eben auch Krafttraining – zu machen. Seitdem habe ich nur noch sehr selten Rückenschmerzen.“

Und eine Frau, die seit Jahren dabei ist, schreibt:

„Ohne meine Übungen könnte ich mich nicht bewegen vor enormen Schmerzen.“

Schmerzfreiheit auf Garantie verspricht das nicht. Es verspricht einen Rücken, der mitmacht, statt dich zu bremsen.

Wie oft fangen Frauen mit Rückenübungen neu an?

In meiner Umfrage haben 11 von 20 Frauen „mehr als 10 Mal“ angegeben. Mehrfaches Neuanfangen ist bei Rückenübungen der Normalfall.

Warum höre ich mit meinen Rückenübungen immer wieder auf?

Wahrscheinlich hörst du gar nicht auf. In meiner Umfrage hat keine einzige Frau bewusst aufgehört. Vier Anläufe sind eingeschlafen, weil etwas dazwischenkam und niemand den Wiedereinstieg geplant hatte.

Was hilft beim Dranbleiben am meisten?

Ein fester Termin und jemand, der merkt, wenn du fehlst. Bei den Frauen in meiner Umfrage, die in einer Gruppe oder begleitet geübt haben, ist kein Anlauf eingeschlafen.

Reicht es, allein zu Hause zu üben?

Es geht, hält auf Dauer aber seltener. Von 6 Frauen, die allein unterwegs waren, ist bei 3 der Anlauf eingeschlafen.

Was mache ich, wenn meine Rückenübungen eingeschlafen sind?

Fang nicht größer an als vorher, sondern kleiner. Such dir die kleinste Version, die noch zählt, und häng sie an einen festen Termin oder an etwas, das jeden Tag sowieso passiert. In meiner Umfrage hat kein einziger Anlauf von Frauen aufgehört, die in einer Gruppe oder begleitet geübt haben.

Methodik

Befragt habe ich LeserInnen meines MOVEletters, Kursteilnehmerinnen und Frauen aus meiner Einzelbegleitung, verteilt über Newsletter, Social Media und persönliche Nachrichten. Erhebungszeitraum: 15. September bis 11. Oktober 2026. Rücklauf: 20 vollständige Antworten, keine abgebrochene. 18 der 20 Frauen sind selbst betroffen, 2 arbeiten beruflich mit Körper und Bewegung.

Alle Angaben beruhen auf Selbsteinschätzung aus der Erinnerung, gemessen wurde nichts. Die Frage nach der Dauer bezieht sich auf den jeweils letzten Anlauf, nicht auf einen festen Kalenderzeitraum. Befragt wurden ausschließlich Frauen, und ausschließlich Frauen, die mich bereits kennen. Wer eine Umfrage über Rückenübungen ausfüllt, ist mit dem Thema eher aktiv beschäftigt als jemand, der vor Jahren aufgegeben hat. Die Ergebnisse sind damit ein Ausschnitt aus meinem Umfeld und nicht repräsentativ. In drei Bögen widersprechen sich einzelne Angaben, ich habe sie mitgezählt und nicht korrigiert. Ich rechne nichts hoch und nenne absolute Zahlen statt Prozente, denn bei 20 Antworten täuschen Prozente eine Genauigkeit vor, die nicht da ist.

Namentlich zitierte Frauen haben ihren Vornamen freigegeben, alle übrigen Zitate sind anonym freigegeben.

Du willst, dass dein nächster Anlauf hält?

Dann schau mir im MOVEletter über die Schulter. Jeden Freitag bekommst du eine kleine, machbare Sache für deinen Rücken und deine Beweglichkeit – und den Termin für deinen Wiedereinstieg schreibe ich dir gleich mit dazu. 😉

Keine Programme, die drei Wochen halten. Eine Dosis, die so klein ist, dass du sie auch in einer vollen Woche schaffst.

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